Was ist eigentlich altdeutsche Schrift?
Der Sammelbegriff „altdeutsche Schrift“ bezeichnet eine Schriftkategorie aus dem deutschsprachigen Raum, die aus verschiedenen gebrochenen Schriftarten besteht. Letztere haben ihren Ursprung im Mittelalter beziehungsweise in der frühen Neuzeit. Zu den altdeutschen Schriften zählen sowohl altdeutsche Schreibschriften wie die Kurrent- oder später die Sütterlin-Schrift als auch die Textura, die Schwabacher Schrift sowie die sogenannten Frakturschriften, welche hauptsächlich zum Druck verwendet wurden.
Die Geschichte der altdeutschen Schrift
12. Jahrhundert (Ursprünge gebrochener Schriften):
- Entwicklung der gotischen Minuskel (Textura) aus der karolingischen Minuskel
- Entstehung gebrochener Schriftformen mit spitzen Bögen im gotischen Stil
- Abgrenzung zur lateinischen Rundschrift (Antiqua)
12.–15. Jahrhundert (Parallelnutzung):
- parallele Verwendung gebrochener deutscher Schriften und lateinischer Rundschriften über mehrere Jahrhunderte hinweg
15. Jahrhundert (Kanzleischrift):
- Einsatz der deutschen Kanzleischrift für amtliche Dokumente
- Entstehung der Kanzleibastarda als Vorform der späteren Kurrentschrift

16. Jahrhundert (Fraktur und Kurrent):
- Fraktur etabliert sich als Druckschrift für deutsche Texte
- fremdsprachige Texte erscheinen weiterhin in Antiqua
- Kurrentschrift entsteht als schnelle Alltagsschreibschrift
- Funktionale Trennung:
- Fraktur = Druckschrift
- Kurrent = Schreibschrift
18. Jahrhundert (Standardisierung):
- preußische Normierungsversuche für die Kurrentschrift
- 1714: Kurrent wird Normschrift an preußischen Schulen
19. Jahrhundert (Schreibtechnik):
- Einführung der Spitzfeder
- stärkere Schräglage und flüssigeres Schreiben beeinflussen die Schriftform
1911–1915 (Sütterlinschrift):
- 1911: Ludwig Sütterlin entwirft eine vereinfachte, einheitliche Schreibschrift
- 1915: Einführung der Sütterlinschrift als Schulschrift in Preußen
1927 (alternative Schulschrift):
- Entwicklung der Offenbacher Schrift durch Rudolf Koch
- setzt sich nicht als offizielle Schulschrift durch
1941 (Verbot gebrochener Schriften):
- Verbot von Fraktur, Kurrent und Sütterlin durch Erlass von Martin Bormann
- Ziel: Durchsetzung der lateinischen Antiqua als „Normalschrift“
- Begründung offiziell ideologisch, tatsächlich pragmatisch (internationale Lesbarkeit)
Nach 1941/1950er-Jahre (Schulschriften):
- Einführung der Deutschen Normalschrift in Schulen
- Ablösung durch die Lateinische Ausgangsschrift in den 1950er-Jahren
- Historikerinnen und Historikern bewerten Entwicklung bis heute kritisch

Klassifikation und Beispiele altdeutscher Schriften
Altdeutsche Druckschriften
Gotische Fraktur
Die gotische Fraktur oder Textura ist eine gebrochene Buchschrift aus dem 12. Jahrhundert, die um 1450 in Gutenbergs ersten Druckwerken verwendet wurde. Aufgrund ihrer gitterförmigen Erscheinung wird sie auch Gitterschrift genannt.
Merkmale:
- hohe Buchstabendichte
- gestreckte Zeichen
- gebrochene, spitze Bögen
- auffällige Unterschiede in der Strichstärke

Rundgotische Fraktur
Als Rotunda, rundgotische oder halbgotische Fraktur bezeichnet, wurde diese Schriftart ab dem 12. Jahrhundert im italienischen Buchdruck benutzt. In Deutschland tauchte sie um 1480 auf. Manche Schriftexpertinnen und -experten betrachten sie trotz zahlreicher Unterschiede als eine Sonderform der Textura und nennen sie deshalb auch „Italienische Textura“.
Merkmale:
- niedrige, breite Zeichen
- wenig Haarstriche
- deutlich gemilderte Brechungen der Bögen
- zweistöckiges kleines a
- untere Schlinge des kleinen g geschlossen

Spätgotische Fraktur
Die spätgotische Fraktur, auch Schwabacher Schrift genannt, stammt aus dem 15. Jahrhundert. Da die Luther-Bibel in dieser altdeutschen Schrift gedruckt wurde, bezeichnet man die spätgotische Fraktur außerdem als Reformationsschrift. Mitte des 16. Jahrhunderts wurde sie weitgehend von der Fraktur abgelöst.
Merkmale:
- Klein- und Großbuchstaben besitzen neben Kanten auch ausgeprägte Rundungen
- breitlaufend und daher gut lesbar
- nach oben offenes, an ein U erinnerndes großes A
- schleifenlos
- oben gekreuztes kleines g

Fraktur
Als Konkurrentin der Antiqua wurde diese altdeutsche gebrochene Druckschrift ab der Mitte des 16. bis Anfang des 20. Jahrhunderts im deutschsprachigen Druckwesen bevorzugt. 1871 wurde sie mit Gründung des Deutschen Reichs zur offiziellen Amtsschrift erklärt. Die Fraktur zeichnet sich besonders durch ihre markanten „Elefantenrüssel“ aus. Dabei handelt es sich um s-förmige Zierelemente, welche an einige Großbuchstaben angehängt sind. Es sind beispielsweise folgende wichtige Untergruppen zu unterscheiden:
Theuerdank-Fraktur
Die Theuerdank- oder Renaissance-Fraktur ist die älteste der Frakturschriften. Sie entstand im Auftrag des Kaisers. Er wünschte sich eine Schriftart, die wie Kunst wirkte. Diese sollte an die prunkvolle, von Hand geschriebene Kanzleischrift angelehnt sein. Sie wurde zum ersten Mal 1513 für die Entstehung eines Gebetbuches und 1517 für den Versroman „Theuerdank“ verwendet.
Merkmale:
- teilweise gerade und teilweise gerundete Buchstabenschäfte
- Elefantenrüssel
- zusätzliche, wie Kunst wirkende Schnörkel
- nach oben offenes, an ein U erinnerndes großes A
- das kleine x unterscheidet sich vom kleinen r durch eine Schleife am Fuß

Breitkopf-Fraktur
Auch als Barock-Fraktur bezeichnet, wurde diese deutsche Druckschrift 1750 von Johann Gottlob Immanuel Breitkopf entworfen und gilt als eine der meist-verwendeten Frakturschriften des Barock. Die typischen Elefantenrüssel sind noch vorhanden, jedoch weist die Breitkopf-Fraktur insgesamt deutlich weniger Verschnörkelungen auf.
Merkmale:
- Elefantenrüssel
- nach oben offenes, an ein U erinnerndes großes A
- die Großbuchstaben K, N und R tragen links unten eine Verdickung in Rautenform

Walbaum-Fraktur
Mit Beginn der Napoleonischen Kriege rückten das nationale Bewusstsein und die traditionelle deutsche Schriftkunst erneut in den Vordergrund. Im Jahr 1800 erschuf der Schriftgießer Justus Erich Walbaum eine gebrochene Druckschrift, welche wieder lange – für die Fraktur typische – Elefantenrüssel aufwies.
Merkmale:
- lange Elefantenrüssel
- nach oben offenes, an ein U erinnerndes großes A
- die Kleinbuchstaben b, h, j, k und l haben am oberen oder unteren Ende gespaltene Buchstabenschäfte
- die Großbuchstaben K und R tragen links unten rautenförmige Verdickungen

Altdeutsche Schreibschriften
Neben der Druckschrift entwickelte sich auch die deutsche Handschrift weiter, wobei im Laufe der Zeit besonders auf flüssige Schreibprozesse mit verschiedenen Schreibfedern geachtet wurde.
Deutsche Kanzleischrift
Die deutsche Kanzleischrift war eine gebrochene Schreibschrift, die vom 15. bis zum 19. Jahrhundert für die Erstellung amtlicher Dokumente verwendet wurde.
Merkmale:
- breite Grundstriche
- hohe Schnörkeldichte
- kurze Oberlängen

Deutsche Kurrentschrift
Auch die deutsche Kurrentschrift gehört zu den gebrochenen Schriften, da sie im Gegensatz zu lateinischen Schreibschriften noch viele spitze Winkel aufweist. Im 16. Jahrhundert entwickelte sie sich aus der deutschen Kanzleischrift und war bis Anfang des 20. Jahrhunderts die Verkehrsschrift im gesamten deutschsprachigen Raum. Ab 1911 wurde sie in Preußen durch die grafisch vereinfachte Sütterlinschrift nach und nach verdrängt.
Merkmale:
- schräg nach rechts laufende Buchstaben
- vereinzelte Schleifen an Oberlängen
- die Kleinbuchstaben h und z tragen durchgezogene Schleifen
- das kleine e ähnelt in der grafischen Gestaltung dem kleinen n

Sütterlinschrift
Diese deutsche Schreibschrift gehört definitiv zu den alten Schriften, die noch vielen von uns bekannt sind – sei es aus Briefen von Großeltern, Postkartensammlungen oder Fotoalben im Familienbesitz. Der Berliner Grafiker Ludwig Sütterlin führte diese Schriftart 1911 im Auftrag des preußischen Schulministeriums ein, um Schülerinnen und Schülern das Schreiben mit der Stahlfeder zu erleichtern. Im Gegensatz zur Kurrentschrift besitzt das Sütterlin-Alphabet aufrechte, vereinfachte Buchstaben mit verringerter Ober- und Unterlänge. Sütterlin wurde lange Zeit an deutschen Schulen parallel zur lateinischen Schreibschrift unterrichtet. Wie alle anderen altdeutschen Schriften verboten die Nationalsozialisten das von der Kurrentschrift abgeleitete Sütterlin 1941 im Zuge des „Normalschrifterlasses“.
Merkmale:
- aufrechte Buchstaben
- rundere Schreibweise mit weniger spitzen Winkeln
- schleifenlose Oberlängen
- bis auf einige spezifische Buchstaben der lateinischen Schreibschrift ähnlich

Offenbacher Schrift
1927 konzipierte Rudolf Koch eine altdeutsche Schrift, welche einfaches Schreiben und Ästhetik miteinander verbinden sollte. Diese sogenannte Offenbacher Schrift konnte sich jedoch nie als offizielle Ausgangsschrift an deutschen Schulen durchsetzen. Nach dem Krieg wurde sie in den 1950er-Jahren von Martin Hermersdorf weiterentwickelt und zeitweise unter dem Namen Koch-Hermersdorf-Schrift an bayerischen Schulen als Zweitschrift gelehrt.
Merkmale:
- breitere Buchstaben
- kurze Ober- und Unterlänge
- kleines e und kleines n grenzen sich voneinander ab
- bis auf wenige Buchstaben der lateinischen Schreibschrift ähnlich

Altdeutsche Schriften: kostenloser Download
Im Internet stehen zahlreiche digitale Fonts zum Download bereit. Diese basieren auf im Druck verwendete, alte Buch- und Frakturschriften beziehungsweise sind an altdeutsche Schreibschriften angelehnt. Wir haben Ihnen eine Auswahl herunterladbarer Fonts zusammengestellt. Auch für Ihr Projekt ist bestimmt die passende altdeutsche Schrift dabei.
Hinweis: Bitte berücksichtigen Sie die Schriftlizenz-Vorgaben der jeweiligen Download-Plattform, bevor Sie eine Schriftart für Ihr Projekt verwenden.
Gutenberg Textura Font
Dieser von der gotischen Fraktur inspirierte Zeichensatz erinnert an Märchentexte und Ritterburgen. Die breiten Buchstaben und auffälligen Doppelstriche sind besonders gut für Überschriften geeignet – ein wahrer Eyecatcher für Tourismusbroschüren oder Werbematerial traditioneller Handwerksbetriebe.

Schwabacher Font
Mit diesem an die Schwabacher Schrift angelehnten Zeichensatz kreieren Sie zum Beispiel attraktive Fassadenbeschilderungen, Buchcover, CD-Hüllen oder vielleicht eine Landingpage für gotisch inspirierten Schmuck. Verschnörkelungen an einzelnen Großbuchstaben sorgen für ein künstlerisch angehauchtes Design.

Breitkopf Fraktur Font
Ebenfalls ein gut lesbarer Font mit den für die Frakturschrift typischen, eleganten Elefantenrüsseln. Nutzen Sie ihn für ein traditionelles Rezeptbuch, die Leuchtschrift Ihres Hotels oder besonders originelle Visitenkarten.

Kanzlei Light Font
Suchen Sie nach einer besonders eleganten Schrift für edle Weinetiketten oder nostalgisch designte Modeaccessoires? Dann ist dieser an die alte Kanzleischrift angelehnte Font bestimmt der richtige.

18th Century Kurrent Font
Möchten Sie eine alte deutsche Handschrift nachahmen, um beispielsweise antiquarische Briefe oder Postkarten zu gestalten, ist dieser Font passend. An die deutsche Kurrentschrift angelehnt, ist dieser Zeichensatz allerdings weniger für Informations- und Werbetexte geeignet, der er sehr schwer lesbar ist.
